Reihe von Spinnstellen mit laufenden Baumwollfäden in einer Spinnerei

Garn entsteht, indem Fasern parallel gelegt, auf die gewünschte Feinheit verzogen und durch Drehung zusammengehalten werden. Die Verfahren unterscheiden sich darin, wie und wo diese Drehung erzeugt wird. Das wirkt sich unmittelbar auf die Garnstruktur aus.

Vom Ballen zum Faserband

Die Vorbereitung ist bei allen Verfahren ähnlich. Im Putzereibereich werden die Baumwollballen geöffnet, gemischt und grob gereinigt. Die Karde löst die Flocken in Einzelfasern auf, entfernt weitere Verunreinigungen und Nissen und bildet ein Kardenband.

Für gekämmte Garne folgt die Kämmerei. Die Kämmmaschine entfernt Kurzfasern und verbliebene Nissen. Dieser Kämmling macht je nach Qualitätsziel rund 12 bis 25 % des Materials aus. Auf der Strecke werden mehrere Bänder gedoppelt und verzogen. Das gleicht Schwankungen aus und parallelisiert die Fasern. Was gekämmt und kardiert für die Faserauswahl bedeutet, steht im Artikel Baumwollqualität.

Ringspinnen

Das Ringspinnen ist das klassische Verfahren und der Maßstab für alle anderen. Das Streckenband wird auf dem Flyer zu einem leicht gedrehten Vorgarn verfeinert. Auf der Ringspinnmaschine verzieht ein Streckwerk das Vorgarn auf die Endfeinheit. Die Spindel treibt den Kops an. Der Läufer, ein kleiner Bügel auf dem Ring, wird vom Garn mitgezogen und eilt der Spindel etwas nach. Mit jeder Läuferumdrehung erhält das Garn eine Drehung, die Nacheilung wickelt es auf den Kops.

Die Fasern liegen im Ringgarn schraubenförmig und über den gesamten Querschnitt eingebunden. Das ergibt:

  • hohe Festigkeit bei vergleichsweise wenig Drehung,
  • einen weichen, geschmeidigen Griff,
  • den breitesten Feinheitsbereich, von groben bis zu sehr feinen Nummern,
  • sichtbare Haarigkeit durch abstehende Faserenden.

Der Nachteil liegt in der Produktivität. Jede Spindelumdrehung erzeugt annähernd eine Drehung im Garn. Bei 20.000 Spindelumdrehungen je Minute und 860 Drehungen je Meter liefert eine Spinnstelle nur rund 23 m Garn pro Minute. Hinzu kommt ein zusätzlicher Arbeitsgang: Die kleinen Kopse werden auf dem Spulautomaten zu Kreuzspulen umgespult, dabei schneiden elektronische Garnreiniger Fehlerstellen heraus.

Compactspinnen

Das Compactspinnen ist eine Weiterentwicklung des Ringspinnens. Beim konventionellen Ringgarn tritt das Faserband breit aus dem Streckwerk aus. Bis die Drehung greift, bildet sich ein kleines Dreieck, das Spinndreieck. Randfasern werden dort nicht vollständig eingebunden und stehen später als Haare ab.

Beim Compactspinnen wird das Faserband hinter dem Streckwerk durch Unterdruck verdichtet, bevor es Drehung erhält. Das Spinndreieck wird sehr klein. Fast alle Fasern liegen eingebunden im Garnkörper.

  • deutlich weniger Haarigkeit, besonders bei Haaren über 3 mm,
  • höhere Festigkeit und Dehnung bei gleicher Drehung,
  • glatteres Garnbild, besserer Glanz, weniger Pilling,
  • die Möglichkeit, mit weniger Drehung einen weicheren Griff bei gleicher Festigkeit zu erzielen.

Compactgarne werden überwiegend aus gekämmter Baumwolle in mittleren bis sehr feinen Nummern gesponnen. Sie sind teurer als konventionelle Ringgarne, in manchen Anwendungen ersetzen sie aber einen Zwirn. Siehe dazu Einfachgarn oder Zwirn.

Open⁠-⁠End- oder Rotorspinnen

Beim Open⁠-⁠End⁠-⁠Spinnen wird das Faserband nicht verzogen, sondern von einer Auflösewalze in Einzelfasern zerlegt. Ein Luftstrom transportiert die Fasern in einen schnell drehenden Rotor. Dort lagern sie sich in einer Rille ab und werden vom offenen Garnende eingebunden und abgezogen. Daher der Name: Das Garn ist an einem Ende „offen“.

Ein Teil der Fasern legt sich dabei quer als sogenannte Bauchbinden um den Garnkörper. Das Ergebnis ist ein anders aufgebautes Garn:

  • sehr gleichmäßige Masse, wenig Dick- und Dünnstellen,
  • mehr Volumen, aber geringere Festigkeit als ein Ringgarn gleicher Feinheit,
  • rauerer, trockenerer Griff,
  • höhere Drehung erforderlich,
  • hohe Produktivität: Das Garn wird direkt auf Kreuzspulen gewickelt, Flyer und Umspulen entfallen.

Rotorgarne sind vor allem in groben und mittleren Feinheiten wirtschaftlich. Für das Verfahren eignen sich auch kürzere Fasern und Faserabfälle aus der Kämmerei. Typische Einsätze sind Denim, Frottier, Berufsbekleidung, Heimtextilien und Sweatware.

Luftspinnen

Beim Luftspinnen, bekannt etwa als Murata Vortex Spinning (MVS), erzeugt ein Luftwirbel in einer Düse die Garnstruktur. Ein Kern aus weitgehend parallelen Fasern wird von Mantelfasern umwunden. Das Verfahren erreicht noch höhere Liefergeschwindigkeiten als das Rotorspinnen.

Luftspinngarne sind sehr haararm und neigen kaum zum Pilling, haben aber einen festeren, etwas härteren Griff. Das Verfahren wird häufig für Viskose, Polyester und Mischungen eingesetzt, mit gekämmter Baumwolle ist es ebenfalls möglich.

Vergleich in einer Tabelle

Spinnverfahren für Baumwolle im Vergleich (Tendenzen, abhängig von Rohstoff und Feinheit)
MerkmalRingCompactOpen⁠-⁠EndLuft
GarnstrukturFasern schraubenförmig, voll eingebundenwie Ring, Randfasern besser eingebundenKern mit Bauchbindenparalleler Kern, umwundener Mantel
Festigkeithocham höchstengeringermittel
Haarigkeithöhergeringgering bis mittelsehr gering
Griffweichweich, glattrau, voluminösfest, glatt
Schwerpunkt Feinheitgrob bis sehr feinmittel bis sehr feingrob bis mittelmittel
Produktivitätniedrigniedrighochsehr hoch
ArbeitsgängeFlyer, Spinnen, UmspulenFlyer, Spinnen, UmspulenSpinnen direkt auf KreuzspuleSpinnen direkt auf Kreuzspule

Welches Verfahren für welchen Artikel

Die Wahl folgt aus dem Endprodukt und dem Preisrahmen:

  • Feine Hemden- und Blusenstoffe, Bettwäsche, feine Maschenware: gekämmtes Ring- oder Compactgarn, bei hohen Anforderungen als Zwirn.
  • Strickware mit weichem Griff: Ringgarn mit niedriger Drehung oder Compactgarn. Die Rolle der Drehung erklärt der Artikel Garndrehung.
  • Denim, Köper, Frottier, Berufsbekleidung: Open⁠-⁠End⁠-⁠Garn, häufig in Kombination mit Ringgarn in Kette oder Schuss.
  • Pillingarme Maschenware aus Mischungen: Luftspinngarn.

Ob ein Garn die Erwartungen erfüllt, zeigen die Prüfwerte. Wie man sie liest, steht im Artikel Garnprüfung und Uster⁠-⁠Werte.

Woran man das Verfahren am Garn erkennt

Ein einfacher Test hilft, wenn die Herkunft einer Spule unklar ist. Man dreht ein kurzes Stück Garn zwischen den Fingern gegen seine Drehrichtung auf. Ein Ring- oder Compactgarn öffnet sich vollständig, die Fasern liegen dann parallel und das Stück lässt sich leicht auseinanderziehen. Ein Open⁠-⁠End⁠-⁠Garn lässt sich nicht vollständig aufdrehen: Die quer liegenden Bauchbinden halten den Kern zusammen, es bleiben Einschnürungen sichtbar. Luftspinngarn zeigt unter der Lupe einen glatten Mantel mit fast parallelen Fasern im Kern. Der Test ersetzt keine Laborprüfung, gibt aber einen schnellen ersten Hinweis.

Spinnverfahren im Bergfeld-Sortiment

Bergfeld führt Ringgarne, Compactgarne und Open⁠-⁠End⁠-⁠Garne aus Baumwolle sowie daraus hergestellte Zwirne. Luftspinngarne gehören nicht zum ausgewiesenen Sortiment.

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