
Warum das Klima zählt
Baumwolle, Viskose, Wolle und Leinen sind hygroskopisch. Sie nehmen Wasserdampf aus der Luft auf und geben ihn wieder ab, bis sie mit der Umgebung im Gleichgewicht sind. Synthetische Fasern wie Polyester nehmen dagegen kaum Feuchte auf.
Für die Verarbeitung hat das handfeste Folgen:
- Zu trockenes Baumwollgarn ist spröder, verliert an Festigkeit und Dehnung, lädt sich elektrostatisch auf und staubt stärker.
- Zu feuchtes Garn wird schwerer, kann stocken und Schimmel bilden.
- Schwankende Feuchte zwischen Spulen einer Partie führt zu unterschiedlichem Laufverhalten und kann im Gestrick als Unruhe sichtbar werden.
Prüflabore arbeiten deshalb im Normalklima nach ISO 139: 20 °C und 65 % relative Luftfeuchte. Für das Lager gilt als Richtwert ein Bereich von etwa 20 bis 25 °C und 55 bis 65 % relativer Feuchte. Wichtiger als der genaue Wert ist, dass das Klima stabil bleibt und keine starken Schwankungen auftreten.
Reprise und Feuchtegehalt
Zwei Begriffe werden oft verwechselt. Beide beschreiben den Wasseranteil, beziehen ihn aber auf unterschiedliche Bezugsgrößen.
Formel
Reprise R (%) = (Masse feucht − Masse trocken) ÷ Masse trocken × 100Feuchtegehalt F (%) = (Masse feucht − Masse trocken) ÷ Masse feucht × 100Umrechnung: F = R ÷ (100 + R) × 100
Beispiel: Eine Reprise von 8,5 % entspricht einem Feuchtegehalt von 8,5 ÷ 108,5 × 100 = 7,83 %.
Im Handel wird mit vereinbarten Reprisen gearbeitet, auch Handelsfeuchte oder Feuchtigkeitszuschlag genannt. Für die Faserzusammensetzung von Textilerzeugnissen legt die EU-Verordnung 1007/2011 in Anhang IX solche vereinbarten Zuschläge fest. Sie werden im Garnhandel häufig auch für die Gewichtsabrechnung herangezogen. Maßgeblich ist, was im Vertrag steht.
| Faser | Zuschlag (%) |
|---|---|
| Baumwolle | 8,50 |
| Polyester | 1,50 |
| Viskose | 13,00 |
| Leinen | 12,00 |
| Wolle, gekämmt | 18,25 |
| Wolle, kardiert | 17,00 |
Bei Mischgarnen wird der Zuschlag anteilig nach der Faserzusammensetzung im Trockenzustand gewichtet.
Handelsgewicht berechnen
Weil die tatsächliche Feuchte schwankt, wird Garn häufig nach Handelsgewicht abgerechnet. Dazu bestimmt man die Trockenmasse und schlägt die vereinbarte Reprise auf.
Formel
Handelsgewicht = Trockengewicht × (1 + Rvereinbart ÷ 100)Trockengewicht = Nettogewicht ÷ (1 + Rgemessen ÷ 100)
Rechenbeispiel: Eine Lieferung Baumwollgarn wiegt netto 1.000 kg. Die Labormessung ergibt eine Reprise von 7,2 %.
- Trockengewicht = 1.000 kg ÷ 1,072 = 932,8 kg
- Handelsgewicht = 932,8 kg × 1,085 = 1.012,1 kg
Abgerechnet werden in diesem Fall 1.012,1 kg, obwohl die Waage 1.000 kg zeigt. Bei feuchterer Ware wäre es umgekehrt. Das Netto bezieht sich dabei auf das Garn ohne Hülsen, Kartons und Paletten. Die Taragewichte müssen deshalb bekannt sein.
Lagerregeln
- Nicht direkt auf dem Boden lagern. Paletten oder Regale schützen vor Bodenfeuchte und Kälte.
- Abstand zu Außenwänden halten. An kalten Wänden kann Feuchte kondensieren.
- Kein direktes Sonnenlicht. UV-Licht lässt Rohweiß vergilben und kann gefärbte Garne verändern. Auch Kunstlicht mit hohem UV-Anteil vermeiden.
- Verpackung geschlossen lassen, bis das Garn gebraucht wird. Angebrochene Kartons wieder abdecken.
- First in, first out. Ältere Ware zuerst verarbeiten.
- Partien nicht mischen. Garne derselben Qualität aus verschiedenen Partien (Lots) können sich in Farbaufnahme und Feinheit unterscheiden. Gemischt verarbeitet entstehen Abschattungen und Streifen. Partienummern auf Kartons und Spulen deshalb mitführen.
- Geruchs- und Schadstoffquellen fernhalten. Abgase von Gabelstaplern mit Verbrennungsmotor können zu Vergilbung führen.
Konditionierung vor der Verarbeitung
Garn, das aus einem kalten Lager oder direkt aus dem Container kommt, sollte vor der Verarbeitung an das Produktionsklima angepasst werden. Kalte Spulen in warmer, feuchter Halle beschlagen. Trockene Spulen nehmen in der Halle Feuchte auf und verändern dabei ihr Laufverhalten.
Die nötige Zeit hängt von Packungsgröße und Klimadifferenz ab. Ein dichter Karton mit großen Kreuzspulen braucht deutlich länger als lose aufgestellte Spulen. Bewährt hat sich, die Kartons rechtzeitig in den Produktionsbereich zu holen und erst zu öffnen, wenn sie dessen Temperatur angenommen haben. Spinnereien setzen teilweise Dämpf- oder Konditionieranlagen ein, um Feuchte gezielt einzubringen und Drehungen zu beruhigen. Wie Drehung und Kringelneigung zusammenhängen, beschreibt der Artikel Garndrehung.
Spulen, Kartons, Paletten
Die Aufmachung richtet sich nach der Weiterverarbeitung:
- Kreuzspulen und Konen: Standard für Weberei und Strickerei. Konische Hülsen erleichtern den Ablauf über Kopf.
- Färbekonen oder Färbespulen: weich und gleichmäßig auf perforierte Hülsen gewickelt, damit die Färbeflotte die Wicklung gleichmäßig durchströmt.
- Hülsen: aus Papier oder Kunststoff. Ihr Gewicht gehört zur Tara.
- Kartons: Spulen stehen meist in Lagen mit Zwischenlagen oder Einzelbeuteln, damit die Wicklung nicht beschädigt wird.
- Paletten und Folie: Kartons werden palettiert und mit Folie gesichert. Folie schützt vor Staub und Spritzwasser, kann aber Kondenswasser einschließen, wenn die Palette Temperaturwechsel durchläuft.
Jede Packeinheit sollte Qualität, Feinheit, Partie, Netto- und Bruttogewicht tragen. Das erleichtert die Zuordnung im Lager und spätere Rückfragen.
Transport und Seefracht
Ein großer Teil der Garne wird im Container über See transportiert. Dabei durchläuft die Ware Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht und zwischen Klimazonen. Feuchte, die das Garn und die Verpackung abgeben, kondensiert an der kalten Containerdecke und tropft auf die Ladung zurück. Dieses Phänomen heißt Containerregen.
Gegenmaßnahmen sind trocken verladene Ware, intakte und trockene Paletten, Trockenmittel im Container, Abdeckungen und ein zügiger Weitertransport nach Ankunft. Für Lkw-Transporte zählen vor allem Ladungssicherung und der Schutz vor Regen beim Be- und Entladen.
Wer das Risiko trägt, wenn unterwegs etwas passiert, regelt der Kaufvertrag, meist mit einer Lieferklausel nach Incoterms 2020. Sie legt fest, an welchem Ort Kosten und Gefahr vom Verkäufer auf den Käufer übergehen. Die Wahl der Klausel beeinflusst auch, wer Versicherung und Verladung organisiert.
Bei Ankunft lohnt eine kurze Eingangsprüfung: Kartons auf Feuchtespuren, Druckstellen und Beschädigungen ansehen, Gewichte stichprobenartig prüfen und Auffälligkeiten sofort beim Frachtführer dokumentieren.
Logistik bei Bergfeld
Bergfeld arbeitet mit eigenen Logistiklagern und weltweiten Logistikpartnern. Ein Stockservice hält typische Garne an den Bergfeld-Logistikknotenpunkten vorrätig, die kurzfristig in ganz Europa zustellbar sind. Die Aktionsware wird zentral am Standort Kassel verwaltet. Wie Garn eindeutig bezeichnet wird, erklärt der Artikel Garnnummerierung.